29. April 2022

Schmöker: „Butter“ von Asako Yuzuki

„Butter“ von Asako Yuzuki

„Butter“ von Asako Yuzuki: über die gesellschaftlichen Zwänge in Japan

Bereits nach wenigen Seiten muss ich beim Lesen des Buchs „Butter“ stoppen und mir einen Knick in die Seite machen. Was Autorin Asako Yuzuki schreibt, kann ich kaum glauben:

„Japanerinnen nehmen heute weniger Kalorien zu sich als unmittelbar nach dem Krieg.“

Bin ich bislang naiverweise davon ausgegangen, dass sich japanische Frauen gesünder ernähren beziehungsweise einen besseren Stoffwechsel haben und deshalb meist sehr schlank sind, belehrt mich der Roman nun eines Besseren.

Schnell wird mir durch „Butter“ klar: In der japanischen Gesellschaft herrscht ein immenser Druck auf Frauen. Protagonistin Rika erzählt zu Beginn der Geschichte, dass sie selbst nicht über 50 Kilogramm wiegen möchte – aus Angst, grobschlächtig zu wirken.

Ihre Strategie, um ihr Gewicht zu halten: Sie vermeidet es, abends etwas zu essen. Selbst wenn sie bei Freunden oder der Familie eingeladen ist, greift sie maximal zu Salat oder Suppe.

Die Konsequenzen sind vielseitig. Sogar Milchbauern müssen um ihre Existenz kämpfen, weil viele Japaner*innen aus Diätgründen auf Kohlenhydrate und Milchprodukte verzichten.

Als ich meinen japanischen Freund darauf anspreche, nickt er nur. Meine gerade gewonnenen Erkenntnisse sind ihm keineswegs neu. Dass ich mit meinen über 60 Kilogramm in seiner Heimat als dick gelte, wird mir nun bewusst.

Uff.

Von überforderten Menschen in Japan

Der Schlankheitswahn in Japan ist nur Aspekt, den Asako Yuzuki in ihrem Roman „Butter“ thematisiert. Der Roman beschäftigt sich auf unterschiedlichen Ebenen mit den Auswüchsen, die strenge moralische Vorgaben und der Leistungsdruck mit sich bringen.

„Butter“ erzählt beispielsweise von überforderten Frauen und Müttern.

„Rikas ältere Kolleginnen waren, kaum dass sie geheiratet hatten, in den Innendienst gewechselt. Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen, grenzte an Hexerei (…) Von Japanerinnen wird verlangt, geduldig, fleißig und leidenschaftlich zu sein und sich zugleich weiblich, nachsichtig und fürsorglich zu verhalten. Die meisten Frauen reiben sich auf im Versuch, eine Balance zwischen diesen Ansprüchen zu finden.“

Der Roman macht aber auch deutlich, wie abhängig Männer von Frauen sind. Vor allem ältere Herren sind nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Viele Männer verwahrlosen regelrecht, wenn sich keine Frau um sie kümmert und ihnen etwas kocht.

Interviews mit einer Serienmörderin und Food-Bloggerin

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Journalistin Rika. Sie ist Anfang 30 und in einer Beziehung. Da die Arbeit für sie und ihren Freund Makoto an erster Stelle steht, sehen sie sich kaum. Eine tiefe Bindung ist dadurch nicht vorhanden.

Rika besucht nun für eine Artikelserie die vermutliche Serienmörderin Manako Kaji über mehrere Monate im Gefängnis. Die Angeklagte, eine Food-Bloggerin, soll ihre Opfer, alles ältere und schrullige Liebhaber, mit ihren Kochkünsten verführt haben. Da sie über 70 Kilogramm wiegt, wird sie in der Öffentlichkeit als fett bezeichnet. Auch ihr Männerverschleiß führt zu abfälligen Bemerkungen.

Die Journalistin möchte einen Einblick in das Leben und das Denken der charismatischen Angeklagten bekommen. Sie bemerkt gar nicht, wie sie selbst von Woche zu Woche von der gerissenen Frau manipuliert wird. Sie probiert unter anderem deren Koch-Tipps aus und nimmt selbst zehn Kilogramm zu. Außerdem reist sie für ihre Recherche nicht nur in die Vergangenheit von Kaji, sondern auch in ihre eigene.

Was zunächst ein steiniger Weg ist, erweist sich aber auch als Chance. Rika verarbeitet alte Traumata und lernt sich selbst neu kennen.

Die eigenen Blockaden lösen

Die Selbstbefreiung Rikas ist definitiv der Grund, warum ich „Butter“ so gerne gelesen habe. Die Geschichte um die Serienmöderin Kaji ist zwar ganz nett und unterhaltsam. Viel spannender fand ich es aber zu sehen, wie Rika selbstbewusster und stärker wird, in dem sie sich mit ihren Blockaden auseinandersetzt.

Großer Leistungsdruck in der Gesellschaft

Sehr interessant fand ich an „Butter“ außerdem, wie gut der Leistungsdruck in der japanischen Gesellschaft spürbar wird. Als Rika zunimmt, muss sie sich von ihrem Freund Makoto anhören:

„Es klingt hart, aber zunehmen ist nicht gut. Ich habe keine Idealvorstellung vom Körper einer Frau, aber es könnte aussehen, als würdest du dich gehen lassen. Das wirkt nicht vertrauenswürdig.”

Dieser Druck führt dazu, dass viele Menschen ständig über ihre Grenzen gehen, krank und unglücklich werden. Bis spät nachts zu arbeiten und kein Privatleben zu haben, ist vor allem für jüngere Arbeitnehmer*innen die Norm. Dass sich verheiratete Frauen um Haushalt und Kinder kümmern, ist selbstverständlich. Von Gleichberechtigung sind viele Paare noch weit entfernt.

„Enjokosai“: Sugardaddys in Japan

Was ich außerdem irritierend fand, ist die Tatsache, dass es in Japan das Phänomen „Enjokosai“ gibt. Es steht für Begleitung mit besonderen Leistungen und bezieht sich darauf, dass Schulmädchen von älteren Männern für sexuelle Leistungen bezahlt werden. Es ist keine Skandal in Japan, sondern wird geduldet.

Viel Raum für Kulinarisches

Was in dem Buch natürlich nicht fehlt, sind Beschreibungen von Butter in allen möglichen Formen. Auch Kochprozesse und Mahlzeiten kommen nicht zu kurz. Ich habe wohl noch nie einen Roman gelesen, in dem es so viel um den Genuss von Essen ging – gelangweilt hat es mich aber nie. Im Gegenteil: Ich habe riesige Lust auf die Gerichte bekommen.

Eine kluge Geschichte

Obwohl ich mich in den vergangenen Jahren schon sehr intensiv mit Japan auseinandergesetzt habe, erfuhr ich durch „Butter“ nochmals viel Neues. Der Roman eignet sich aber auch für alle, die bislang keine Berührungspunkte mit der dortigen Kultur hatten.

Es ist eine kluge Geschichte, die Gesellschaftskritik mit Spannung verknüpft und zeigt, wie es möglich ist, seine innere Stimme zu finden – und sich von gesellschaftlichen Zwängen zu lösen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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