8. Mai 2022

Buchkritik: “Der große Sommer” von Ewald Arenz

Der große Sommer" von Ewald Arenz

Flashbacks in die eigene Jugend: “Der große Sommer”

Wenige Tage vor den Sommerferien kommt die niederschmetternde Nachricht: Frieder wird das Schuljahr nicht schaffen, seine Latein- und Mathenoten sind zu schlecht. Er hat nur noch eine Chance: die Nachprüfungen am Ende der Ferien. Statt schönem Urlaub in der Sonne heißt es für den Teenager nun: Latein lernen beim strengen Großvater.

Zuerst ist Frieder geknickt, dann begegnet ihm im Freibad Beate, eine junge Dame im flaschengrünen Badeanzug. Plötzlich sind die Aussichten, den Sommer in Nürnberg bleiben zu müssen, doch alles andere als deprimierend. In sechs Wochen erlebt der Jugendliche eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Er verliebt sich das erste Mal, wird mit dem Tod und der Polizei konfrontiert. Außerdem lernt er seine Großeltern auf ganz neue Weise kennen.

Ein leiser und gefühlvoller Roman

„Der große Sommer“ von Ewald Arenz ist ein gefühlvoller und leiser Coming-of-Age-Roman. Mit unaufgeregter, schnörkelloser, aber detailverliebter Sprache nimmt der Autor die Lesenden mit in die Welt eines Teenagers, der in kurzer Zeit auf intensive Weise viele Dinge zum ersten Mal erlebt.

Ewald Arenz lässt in seiner Geschichte einen authentischen Blick in die Gefühlswelt eines jungen Menschen zu. Er ist definitiv ein toller Erzähler. An die Tiefe und die einprägsamen Sätze eines Benedict Wells kommt er jedoch nicht heran.

Jugend in der 1980er-Jahre in Nürnberg

Erzählt wird „Der große Sommer“ aus der Sicht von Frieder selbst. Er ist als Erwachsener auf dem Friedhof, auf dem seine Großeltern begraben sind, und erinnert sich an seine Jugend in den 1980er-Jahren in Nürnberg – an eine Zeit, bevor es Handys und das Internet gab. Telefonbuch und eine Telefonzelle mussten damals herhalten, um andere Menschen von unterwegs zu erreichen.

Frieder wächst in einer Großfamilie auf. Außer ihm kann auch seine Schwester Alwa nicht in den Urlaub mitfahren, weil sie ein Praktikum in einem Senioren-Pflegeheim macht. Gemeinsam mit Frieders bestem Freund Johann und Beate verbringen die beiden Geschwister nun ihre Freizeit während der Ferien – sie brechen ins Schwimmbad ein, trinken zusammen und erleben Abenteuer auf einer Baustelle.

Die kleinen Dinge stehen im Fokus

Das Buch kommt ohne großen Spannungsbogen aus. Es sind vielmehr kleine, alltägliche Geschichten, die den Roman prägen. Die ersten 50 Seiten fiel es mir ein wenig schwer, dran zu bleiben. Zunächst erschienen mir beispielsweise Beschreibungen von Bundesjugendspielen doch ein wenig zu trivial.

Aber irgendwann tauchte ich dann in die Welt von Frieder ein und las den Roman sehr gerne – wohl vor allem deshalb, weil er mir so viele Flashbacks in die eigene Jugend ermöglichte. Auch ich hatte Ende der 1990er einen wunderbaren Frühling und Sommer, in dem sich so viele Ereignisse überschlugen – und ein nächtlicher Besuch im Freibad dazu gehörte.

Auch die Kriegsgeneration hat ihren Platz

„Der große Sommer“ gewährt außerdem einen Einblick in das Leben von Frieders Großeltern: dem strengen Professor und Nana. Je länger der Jugendliche bei seinen Großeltern wohnt, umso mehr erfährt er von ihrer Vergangenheit – von der Vertreibung der Großmutter nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie sie als Alleinerziehende im Krankenhaus den scheinbar hartherzigen Arzt kennenlernt, sich aber sofort in ihn verliebt und mit ihm gerne ihr Leben verbringt, obwohl er sie von ihrer kleinen Tochter im Alltag räumlich trennt.

Mit Liebe zur Sprache

Der Roman bietet so auch Einblick in das Schicksal der Kriegsgeneration und schafft Verständnis. Diese facettenreichen und einfühlsamen Erzählungen sind definitiv die Stärke des Romans. Ewald Arenz schafft es dabei, dem Kitsch zu entgehen – wenn auch nur ganz knapp. An manchen Stellen fällt es mir auch schwer zu glauben, dass einem Teenager in der Schule tatsächlich solche Gedanken durch den Kopf gehen:

„Ich sah nach draußen. Die Mauersegler. Das Morgenlicht in den langen Blättern der Weiden am Fluss. Das Blau Blau Blau. Warum hörte die Schönheit der Welt am Fensterbrett auf? Dort draußen war alles. Hier drin war nichts.“

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Mir tat es nach einem anstrengenden Tag unglaublich gut, abends „Ein großer Sommer“ in die Hand zu nehmen und in diese unaufgeregte Geschichte einzutauchen, die Ewald Arenz definitiv mit Liebe zur Sprache und großer Beobachtungsgabe erzählt.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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