5. Dezember 2020

Flimmerkasten: “Fleabag”

Bitterböse: “Fleabag”

Eine ungewöhnliche Geschichte, pechschwarzer Humor und liebevolle Details: Von „Fleabag“ hörte ich soviel Gutes, dass ich dafür vor geraumer Zeit meinen Amazon-Boykott kurz unterbrach und ein kostenloses 30-tägiges Probe-Abo abschloss.

Innerhalb kürzester Zeit habe ich die britische Serie von Phoebe Waller-Bridge nun gesehen und finde: Es ist ein herrliches Vergnügen. „Fleabag“ tut an manchen Stellen weh, ist voll mit kleinen Bösartigkeiten, aber mit einer unglaublich starken Protagonistin und herrlichen Dialogen. Die vielen Preise (unter anderem mehrere Emmys- und Golden Globes-Auszeichnungen) hat die Serie verdient bekommen.

Der Auftakt hat es gleich in sich: Hauptdarstellerin Fleabag wartet im Hausflur auf ihr Date. Sie schaut in die Kamera und fängt an zu reden:

„Ihr kennt das Gefühl, wenn ein Kerl, den ihr süß findet, dienstagsnachts um 2 Uhr noch eine Nachricht schickt und fragt, ob er noch vorbeikommen kann und du tust so, als ob du selbst gerade nach Hause gekommen wärst. Du quälst dich aus dem Bett, duscht dich, trinkst ne halbe Flasche Wein, rasierst dich (…) und wartest vor der Tür, dass es klingelt.“

Wir sind ihre Freunde!

Fleabag redet von Beginn an mit den Zuschauern, als seien es ihre Freunde. Immer wieder durchbricht sie die sogenannte vierte Wand, dreht ihren Kopf ein wenig zur Seite, kommentiert das Geschehen, schafft sich dadurch Distanz zu ihrem Ist-Zustand. Um sie herum bemerkt das zunächst niemand, erst in der zweiten Staffel kommt ihr ein Mann so nah, dass er sie darauf anspricht.

Fleabags Leben ist ein riesiges Chaos. Ihre beste Freundin Boo starb bei einem Unfall. Mit ihr zusammen hatte sie in London ein Café aufgemacht – für das Fleabag nun dringend einen Kredit benötigt. In der Bank gerät sie mit dem Berater aber so aneinander, dass sie erstmal ohne Geld über die Runden kommen muss.

Eine dysfunktionale Familie!

Auch mit ihrer Familie hat es Fleabag nicht leicht. Ihre Mutter starb an Brustkrebs, ihr sprachloser Vater (Bill Paterson) ist mit Fleabags bösartigen Taufpatin (Olivia Coleman) zusammen, ihre Schwester Claire (Sian Clifford) ist eine erfolgreiche, aber neurotische Geschäftsfrau. Unterstützung und Rückhalt bekommt Fleabag in dieser dysfunktionalen Familie nicht.

Um die Leere in ihrem Herzen zu füllen, schläft sie ständig mit Männern. Außerdem trinkt sie zuviel und bestiehlt ihre Stiefmutter. Es tut an manchen Stellen weh, ihren Kampf durch den Alltag mit anzuschauen, aber was schnell deutlich wird: Fleabag ist nicht böse, sondern zutiefst traurig und fühlt sich verloren, ist ohne jegliches Fundament. Trotz all der Kämpfe und Fehltritte hat sie das Herz am richtigen Fleck.

Großartig: Phoebe Waller-Bridge

Die Serie lebt vor allem von Phoebe Waller-Bridge. Sie hat nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern spielt auch Fleabag auf beeindruckende Weise. Jede Mimik, jeder Satz ist exakt auf den Punkt. Außerdem überzeugt die Serie mit den vielen kleinen Details – der Name „Fleabag“ bedeutet beispielsweise ins Deutsche übersetzt soviel wie „Mistkerl“. Ihre verstorbene Freundin “Boo” taucht wie ein Geist immer wieder in den Folgen auf. Perioden-Krämpfe visualisiert Phoebe Waller-Bridge mit einer kurzen Performance in der U-Bahn.

Insgesamt gibt es nur zwölf je 30-minütige Folgen von „Fleabag“. Viele gesellschaftlichen Themen werden darin angesprochen: Sexismus, Gewalt gegen Frauen oder Gleichberechtigung im Job. „Fleabag“ ist dadurch gesellschaftskritisch und sehr aktuell. Eine dritte Staffel wird es wohl leider nicht geben.

Wer pechschwarzen Humor nicht mag, wird sich mit der Serie vermutlich schwertun, allen anderen kann ich sie nur empfehlen. „Fleabag“ ist erfrischend anders.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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