24. November 2021

Schmöker: “Der Nachtwächter” von Louise Erdrich

„Der Nachtwächter“: Über den Kampf eines Indianer-Stammes um Selbstständigkeit

Bevor gleich irgendjemand aufschreit und mir rassistische Sprache vorwirft: Bis mir „Der Nachtwächter“ von Louise Erdrich in die Hände fiel, hatte ich selbst das Wort Indianer gemieden. Hatte von Ureinwohnern oder Native Americans gesprochen, also die politisch korrekte Bezeichnung gewählt.

Als ich dann vor wenigen Wochen den Roman zu lesen begann, war ich irritiert: In dem Buch, in dem es um die drohende Enteignung von amerikanischen Ureinwohnern in North Dakota geht, wimmelt es nur so vom Ausdruck Indianer.

Ich kam ins Grübeln, klickte mich durchs Netz. Dass der Aufbau-Verlag so unsensibel mit diesem brisanten Thema umgeht, konnte ich mir nicht vorstellen. Vor allem da der Roman mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Also begann ich intensiver zu recherchieren. Was ist nun richtig, was falsch? Dann stieß ich auf einer Seite, die rechtliche Zusammenhänge hinsichtlich Diskrimierungen erklärt, auf folgende Erläuterung:

„Es ist vielmehr der Kontext, in dem der Begriff verwendet wird, entscheidend. (…) Der Begriff Indianer wird im allgemeinen Sprachgebrauch nicht bereits als Herabwürdigung einer Person verstanden, sondern wird vielmehr häufig mit positiven Aspekten wie der Naturverbundenheit oder außerordentlicher Tapferkeit verbunden.“

Okay, es war nun Licht im Dunkel.

Geschichte basiert auf realen Ereignissen

Doch um was geht es in dem Buch nun? Louise Erdrich erzählt eine spannende Geschichte über den Stamm der Turtle Mountain Band of Chippewa und seinen Kampf um Eigenständigkeit in den 1950er-Jahren.  

Die Geschichte in „Der Nachtwächter“ basiert zwar nicht komplett auf realen Personen. Jedoch hat sich der Haupthandlungsstrang tatsächlich so zutragen: 1953 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten eine Resolution, die die Enteignung des Stammes vorsah. Im Zug dieser sogenannten Terminationspolitik sollen sich die Indianer der amerikanischen Bevölkerung anpassen, sich assimilieren.

Turtle Mountains kämpfen gegen die Resolution

Obwohl der Stamm arm ist, die Analphabeten-Quote hoch, einige Männer ein Alkoholproblem haben und die Häuschen, in denen sie leben, klapprig und schlecht isoliert sind, wollen die Indianer ihre Eigenständigkeit behalten. Sie möchten zusammenbleiben, nicht in die Städte umverteilt werden und dort in der Anonymität ihr Leben neu aufbauen müssen.

Den Kampf gegen die Resolution führt Thomas an. Er ist Nachtwächter in einer Fabrik, die nahe am Reservat liegt und ist Vorsitzender des Stammesrats. Seine Figur ist an den realen Großvater von Louise Erdrich angelehnt. Aus seiner Perspektive ist ein großer Teil der Geschichte erzählt. Er sieht die Situation folgendermaßen:

„Es gab nicht genug Arbeitsplätze. Es gab nicht genug Land. Es gab nicht genug fruchtbaren Boden. Es gab nicht genug Hirsche im Wald, nicht genug Enten in den Sümpfen, und wer zu viel angelte, bekam Ärger mit dem Jagdaufseher. Es gab von allem zu wenig, und wenn er nicht verhinderte, dass dieses wenige verschwand, wie sollten sie dann noch über die Runden kommen?“

Die Turtle Mountains starten eine Petition, senden eine Delegation zur Vertretung des „Bureau of Indian Affairs“ und reisen letztlich zum Kongress, wo der Fall verhandelt wird. Schnell stellt sich heraus: Initiator ist der Senator Arthur V. Watkins, ein Mormone, der Religion und Politik nicht trennen kann.

Pixie sorgt für ihre Familie

Die Geschichte um die Resolution wird kombiniert mit vielen Geschichten zu den Menschen, die zum Stamm gehören. Vor allem Pixie (Patrice) steht bei diesen Erzählungen im Mittelpunkt. Die junge Frau arbeitet in der Fabrik und versorgt mit dem Lohn ihre Mutter und ihren kleinen Bruder.

Ihr Vater ist ein gewalttätiger Trinker, der nur gelegentlich auftaucht und die Familie tyrannisiert. Ihre Schwester Vera ist nach Minneapolis verschwunden. Pixie und ihre Mutter machen sich große Sorgen um sie. Deshalb bricht Pixie eines Tages auf, um Vera in der Stadt zu suchen.

Wie leben Indianer in ihren Reservats?

Für mich war „Der Nachtwächter“ deshalb so besonders, weil er einen hochinteressanten Teil der amerikanischen Geschichte erzählt, mit dem ich mich bislang nur wenig beschäftigt habe. Wie leben Indianer-Stämme in ihren Reservaten? Was sind ihre Sorgen, was ihre Wünsche? Durch das Buch bekam ich einen ersten Einblick und begann bereits beim Lesen immer wieder einzelne Aspekte online zu recherchieren.

Aber nicht nur wegen der historischen Ereignisse ist das Buch zu empfehlen. Es ist keineswegs sperrig oder anstrengend, sondern unterhält auch bestens. Es gibt Liebesgeschichten ohne Kitsch und die Geschichte um Vera ist wie ein kleiner Krimi, der am Ende jedoch nur rudimentär aufgelöst wird.

Durch die kurzen Kapitel, die aus wechselnden Perspektiven erzählt sind, entsteht außerdem ein sehr kurzweiliges und dynamisches Lesevergnügen. Innerhalb weniger Tage habe ich den Roman gelesen und habe oft mit anderen Menschen darüber gesprochen, weil er mich sehr beschäftigt hat.

„Der Nachtwächter“ hat meinen Horizont erweitert und mir neue Perspektiven ermöglicht. Er hat verdient den Pulitzer-Preis bekommen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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