5. Februar 2014

Schmöker: “Die Entdeckung des Himmels” von Harry Mulisch

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Eigentlich schrecken mich dicke Bücher nicht ab. Wenn ein Roman oder ein Krimi interessant ist, freue ich mich – über jedes Wort, jeden Satz, jede Seite. Mit den Büchern gehe ich dann gerne eine Bindung ein, auch wenn diese mehrere Wochen andauern kann.

„Die Entdeckung des Himmels“ hat mich aber an meine Grenzen geführt. Religion, Physik, Philosophie, Mystik und noch vieles mehr – Harry Mulisch packt einfach die unterschiedlichsten Disziplinen in das knapp 900 Seiten lange Werk. Ausführlich und detailliert beschreibt er wissenschaftliche Phänomene, Entdeckungen und geschichtliche Zusammenhänge. Solche Dinge mal kurz in der Mittagspause oder in der Bahn zu lesen, das ist anstrengend und keine Erholung.

Mehrmals legte ich deshalb „Die Entdeckung des Himmels“ zur Seite, begann mit anderen (leichteren) Büchern, griff dann aber doch immer wieder zurück, konnte es letztlich nicht lassen, wollte wissen, wo die Geschichte hinführt. Es hat sich gelohnt, trotz aller Mühen ist „Die Entdeckung des Himmels“ ein unwahrscheinlich beeindruckendes und bereicherndes Buch.

Die Rahmenhandlung ist folgende: Zwei Engel beschließen, dass die Tafel mit den Zehn Geboten zurück in den Himmel gebracht werden soll. Dazu bedarf es eines Abgesandten auf der Erde, der diese Tat vollbringt und somit den biblischen Bund zwischen Gott und den Menschen beendet.

Um ihren Plan realisieren zu können, wählen sich die Engel die Niederländer Max Delius und Onno Quist aus. Die himmlischen Geschöpfe lenken das Schicksal der beiden jungen Männer, die sich in den 1960er-Jahren eines Abends scheinbar zufällig auf der Straße begegnen.

Grundverschieden sind Max und Onno, trotzdem herrscht schnell eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Wurden sie doch auch am selben Tag gezeugt. Max ist ein Frauenheld und beschäftigt sich mit der Astronomie. Sein Vater war ein NS-Offizier und wurde nach dem Krieg hingerichtet. Max’ Mutter, eine Jüdin, kam ins Konzentrationslager.

Onno stammt dagegen aus einer konservativen Familie, sein Vater ist ein hochrangiger Politiker. Onno fällt aus der Reihe, mag sich nicht so recht anpassen. Seine politische Ausrichtung ist eher links. Seine Leidenschaft beruht auf Wörtern und alten Schriften.

Zwischen den beiden Freunden steht einzig Ada, eine Cellistin, mit der erst Max zusammen ist, dann Onno. Über 20 Jahre hinweg werden die beiden Männer samt Ada nun begleitet. Max und Onno engagieren sich in der Studentenbewegung, reisen nach Kuba, erleben dort eine aufregende Zeit. Außerdem wird Quinten gezeugt – der engelsgleiche Junge soll dafür sorgen, dass die Tafel zurück in den Himmel kommt.

Harry Mulisch geht im ersten Teil des Buches besonders auf die aufwühlende Zeit in den 1960er-Jahren in den Niederlanden ein sowie auf die Spannungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Max fährt außerdem nach Polen, wandelt dort auf den Spuren seiner Mutter.

Im weiteren Verlauf des Romans spielen Literatur, Musik und Architektur eine Rolle. Mulisch greift Goethes Faust auf; beschreibt später die Bauten in Rom bis ins kleinste Detail. Bei einer Reise nach Israel wird die biblische Geschichte rund um Moses erzählt. „Die Entdeckung des Himmels“ ist streckenweise wie ein vielseitiges Lexikon zu lesen.

Das ist meist hoch interessant, bei den physikalischen Ausführungen oder den Beschreibungen von Max astronomischer Arbeit schweifte ich jedoch oft ab, übersprang ganze Absätze. Das waren die Momente, in denen ich die Lust verlor. Aufgrund der ausgefeilten und schönen Sprache sowie der interessanten Geschichte rund um Onno, Max und Ada griff ich aber immer wieder zurück. Sehr gelungen finde ich den Aspekt der Sterbehilfe.

Über einen Gedankengang von Onno grübelte ich in den vergangenen Tagen viel. Es geht um das Thema Schuld. Onno sagt gegen Ende des Romans zu Quinten, dass Handeln final und nicht kausal beurteilt werden sollte. Wenn böse Taten immer darauf zurückgeführt würden, dass der Verursacher in der Kindheit geschlagen wurde oder geschiedene Eltern hat, sei das unfair gegenüber all denen, die ebenfalls schlechte Erfahrungen machten, aber nicht zu Verbrecher werden. Onno meint: Durch kausale Beurteilungen wird der Mensch entmenschlicht, es wird ihm die Verantwortung genommen und somit letztlich auch die Freiheit.

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3. Februar 2014

Flimmerkasten: “Frances Ha”

Was für ein toller Film: Frances Ha!

Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan. Das bekommt Frances (Greta Gerwig) deutlich zu spüren. Ihre beste Freundin Sophie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, lässt sie im Stich. Damit nicht genug: Ihre Karriere als Tänzerin hakt, das Geld ist knapp. Ein passender Mann: nicht in Sicht. Aber die 27-Jährige lässt sich nicht unterkriegen, läuft durch die Straßen, stürzt, steht wieder auf, läuft weiter. Weiterlesen »

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1. Februar 2014

Melodien: “Ein Abend mit Vereinsheim Baldu (die VI.)”

Vereinsheim mit Maxim!

Seine Erkältung hätte er am liebsten ins Weltall geschossen. Ging aber nicht. So stand Maxim am Freitagabend ein wenig blass und angeschlagen auf der Bühne in der Scenario Halle im Kulturzentrum Tempel. Machte letztlich aber überhaupt nichts. Der Sänger riss mit seiner leicht rauchigen und eindringlichen Stimme das Publikum mit – bedingungslos. Kurz vor Ende sorgte er mit „Soldaten“ für den Höhepunkt eines insgesamt eindrucksvollen Abend. Weiterlesen »

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31. Januar 2014

Heimat: “Ein Nachmittag mit Sabrina Kuhn von KULØR”

Sabrina

Das ist Sabrina.

Wunderschönes Porzellan

Becher, Vasen, Schmuck sowie Lichtschalen in klarer und schlichter Formsprache – der Ursprung von KULØR liegt in Dänemark. Konkret: in Kopenhagen. Sabrina Kuhn hatte im Jahr 2012 die skandinavische Stadt ausgewählt, um dort ihr Auslandssemester zu verbringen. An der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) ist die 25-Jährige seit 2008 in Produktdesign eingeschrieben, arbeitete bereits seit dem ersten Semester  gerne mit Porzellan. „Das Material ist fragil, eigenwillig, zerbrechlich, aber auch hart – typisch feminine Eigenschaften eben“, sagt sie und lacht.  Die Hochschule in Kopenhagen habe sie deshalb besonders gereizt, da dort die Fachrichtung „Keramikdesign“ angeboten wird. Weiterlesen »

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29. Januar 2014

Schmöker: “Er ist wieder da” von Timur Vermes

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Wenn es um Adolf Hitler geht, verstehe ich keinen Spaß. Auch über ihn lachen mag ich nicht. Sehr irritiert war ich deshalb, als ich vor einiger Zeit in der Buchhandlung an „Er ist wieder da“ vorbeikam. Auf dem weißen Buchcover ist die Frisur des Tyrannen nachgezeichnet. Lustige Unterhaltung und Hitler – das geht bei mir nicht überein. Auch die Switch-reloaded-Filmchen finde ich daneben.

Damit bin ich aber wohl eher eine Ausnahme, die literarische Politiksatire stand wochenlang auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste. Eigentlich hatte ich gar kein Interesse daran, mich mit diesem Buch näher auseinanderzusetzen. Aber dann legte es mir mein Arbeitskollege vor wenigen Wochen auf den Schreibtisch – und ich begann zu lesen.

Auch während des Lesens ließ mich keine Sekunde das fahle Gefühl los, dass es nicht richtig ist, was da passiert. Klar, es ist eine Satire. Timur Vermes hat keineswegs die Intention, Adolf Hitler zu verherrlichen, im Gegenteil. Der Autor verdeutlicht auf subitle Weise immer wieder, wie krank die Gedankengänge des Diktators waren und wie schnell wohl viele Bürger auch heute wieder auf den plumpen Populismus anspringen würden. Trotzdem finde ich unmöglich, dass ausgerechnet Hitler in eine Zeitmaschine von 1945 in das Jahr 2011 gesetzt wurde. Hätte es nicht eine andere historische Figur gegeben, mit der das Konzept funktioniert – auch wenn es dann in Sachen Marketing schwieriger gewesen wäre?! Ich hätte es sehr begrüßt.

Denn das Konzept, der Schreibstil und die einzelnen Geschichten in „Er ist wieder da“ sind sehr lustig, kurzweilig und vor allem bitterböse. Hitler erwacht im Jahr 2011 in Berlin und weiß erst nicht, wie ihm geschieht. Gedanklich ist er in seinem Führerbunker hängengeblieben, die neue technologisierte Welt irritiert ihn. Internet, Handys, Farbfernseher – all das ist neu für Adolf Hitler.

Er wundert sich über die Aufmachung der Bildzeitung (extra große Buchstaben, damit sie wohl auch Senioren lesen können), über das skurrile Fernsehprogramm, in dem arbeitslose „Menndis“ auftauchen und reihenweise Köche sowie Gärtner über den Bildschirm flimmern. Auch aus dem Radio dröhnt nur Krach.

Bei einem Gang durch die Stadt fragt sich der Tyrann, wie Herr Starbuck gleichzeitig so viele Cafès führen kann. Seine Stirn runzelt sich, als er feststellt, dass türkische Mitbürger verstärkt im Reinigungsgeschäft tätig sind, Fremdlinge, die mittelständische Betriebe führen – das geht doch eigentlich gar nicht.

Mithilfe eines Kioskbesitzers findet er sich dann aber langsam in der Hauptstadt zurecht. Er lernt Fernsehproduzenten kennen, die in ihm den perfekten Hitler-Imitator sehen. Innerhalb kürzester Zeit läuft seine Fernsehkarriere wie am Schnürchen.

Dieses Medienspektakel von Adolf Hitler im Jahr 2011 hat Timur Vermes konsequent bis ins kleinste Detail durchdacht. Das ist klug und lustig. Zeitungsaufschnitte kritisieren den vermeintlichen Imitator, auf Youtube werden seine Videos zigfach angeklickt. Seine Sekretärin muss plötzlich mit einem Shitstorm klarkommen. Und so manch künstliche Dame auf dem Oktoberfest setzt sich gerne für PR-Zwecke auf seinen Schoß.

„Er ist wieder da“ ist bis zum letzten Satz ein sehr unterhaltsames und sehr gut zu lesendes Buch, das auch aufrüttelt. Nur sollte Hitler meiner Empfindung nach eben in keinem anderen Kontext als dem geschichtlichen auftauchen.

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24. Januar 2014

Flimmerkasten: “Hannas Reise”

Soziales Engagement mit Hintergedanken: Hannas Reise

Sie ist oberflächlich, berechnend und absolut kein sozialer Mensch: Hanna (Karoline Schuch) studiert BWL und lebt mit ihrem Freund in der typischen Kapitalisten-Welt. Höher, schneller, weiter. Wie komme ich nach der Uni schnell zu einem prestigeträchtigen und lukrativen Job? Diese Frage treibt Hanna um. So flunkert sie in einem Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmungsberatung – gibt vor, in den Semesterferien nach Isarel fliegen zu wollen, um sich dort um jüdische Menschen zu kümmern. Der Sozialbonus ist ihr damit sicher. Perfekt, denkt sie.

Fest geht Hanna davon aus, dass ihre Mutter (Suzanne von Borsody), die für den Friedensdienst solche Reisen vermittelt, ihr ein entsprechendes Zertifikat fälscht. Doch die sozial engagierte Frau denkt gar nicht daran, ihrer Tochter diesen Gefallen zu tun. So bleibt der Studentin nichts anderes übrig, als sich tatsächlich in den Flieger nach Tel Aviv zu setzen. Es wird eine Reise, die die junge Frau verändert. Weiterlesen »

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20. Januar 2014

Heimat: “Ein Abend im Iuno”

Eine Oase am Werderplatz

Es sind helle Lichtpunkte, die von der Discokugel auf die Wand fallen, ein ausgefallenes Muster erzeugen, so als würden die hellen Flecken tanzen – zum melancholischen Sound von Joy Divison, der an diesem Abend aus den Lautsprechern im Iuno klingt.

Die Bar direkt am Werderplatz gehört zu meinen Lieblingen in Karlsruhe. Sie ist für mich eine kleine Oase in der Fächerstadt, in der sich immer mehr Systemgastronomie verbreitet, persönliche und außergewöhnliche Orte zum Verweilen so rar sind. Weiterlesen »

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18. Januar 2014

Heimat: Ein Kaffee mit Gerhard Varbelow”

Sein Sohn wurde 2012 von Neonazis niedergeschlagen, erholte sich bis heute nicht vollständig. Gerhard Vabelow gründete deshalb mit Gleichgesinnten ein Aktionsbündnis gegen Faschismus und Rechtsextremismus. Für die BNN habe ich mich mit ihm getroffen, der Artikel ist heute nachzulesen.

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17. Januar 2014

Heimat: “Ein Abend bei Florian Weingrüll”

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Das ist Florian.

Ausstellung in der Galerie von Florian Weingrüll

Sechs Träume hat Thomas Geiger niedergeschrieben, auf graues Papier. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle handeln von der Kunst – auf unterschiedliche Art und Weise. „Die Träume bewegten mich; als ich morgens aufwachte, waren sie noch so präsent, dass ich sie festhalten wollte“, erläutert der Künstler, der derzeit in Wien lebt. Seine Maxime: Manchmal haben die einfachsten Gegenstände und Handlungen das Potenzial zur größten Wirkung. Zu sehen sind die Aufschriebe seiner nächtlichen Erinnerungen im Rahmen der Ausstellung „Cognitve Dissonance“ in der Galerie Weingrüll (Nowackstraße 7). Vernissage ist anlässlich des Galerientags am morgigen Samstag, 18. Januar, von 15 bis 21 Uhr. Weiterlesen »

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13. Januar 2014

Flimmerkasten: “Nebraska”

Wunderbare Milieu-Studie

Es ist ein unverhofftes Wiedersehen mit Saul, dem zwielichtigen Anwalt aus Breaking Bad – in Schwarz-Weiß und ganz ohne Drama. Bob Odenkirk spielt in „Nebraska” den Fernsehmoderator Ross. Es ist eine kleine Nebenrolle, die er in dem melancholischen Roadmovie von Alexander Payne ergatterte. „Nebraska“ ist eine wunderbare Milieu-Studie über die Menschen im Mittleren Westen der USA – mit bittersüßem Humor. Weiterlesen »

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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