5. Februar 2014

Schmöker: “Die Entdeckung des Himmels” von Harry Mulisch

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Eigentlich schrecken mich dicke Bücher nicht ab. Wenn ein Roman oder ein Krimi interessant ist, freue ich mich – über jedes Wort, jeden Satz, jede Seite. Mit den Büchern gehe ich dann gerne eine Bindung ein, auch wenn diese mehrere Wochen andauern kann.

„Die Entdeckung des Himmels“ hat mich aber an meine Grenzen geführt. Religion, Physik, Philosophie, Mystik und noch vieles mehr – Harry Mulisch packt einfach die unterschiedlichsten Disziplinen in das knapp 900 Seiten lange Werk. Ausführlich und detailliert beschreibt er wissenschaftliche Phänomene, Entdeckungen und geschichtliche Zusammenhänge. Solche Dinge mal kurz in der Mittagspause oder in der Bahn zu lesen, das ist anstrengend und keine Erholung.

Mehrmals legte ich deshalb „Die Entdeckung des Himmels“ zur Seite, begann mit anderen (leichteren) Büchern, griff dann aber doch immer wieder zurück, konnte es letztlich nicht lassen, wollte wissen, wo die Geschichte hinführt. Es hat sich gelohnt, trotz aller Mühen ist „Die Entdeckung des Himmels“ ein unwahrscheinlich beeindruckendes und bereicherndes Buch.

Die Rahmenhandlung ist folgende: Zwei Engel beschließen, dass die Tafel mit den Zehn Geboten zurück in den Himmel gebracht werden soll. Dazu bedarf es eines Abgesandten auf der Erde, der diese Tat vollbringt und somit den biblischen Bund zwischen Gott und den Menschen beendet.

Um ihren Plan realisieren zu können, wählen sich die Engel die Niederländer Max Delius und Onno Quist aus. Die himmlischen Geschöpfe lenken das Schicksal der beiden jungen Männer, die sich in den 1960er-Jahren eines Abends scheinbar zufällig auf der Straße begegnen.

Grundverschieden sind Max und Onno, trotzdem herrscht schnell eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Wurden sie doch auch am selben Tag gezeugt. Max ist ein Frauenheld und beschäftigt sich mit der Astronomie. Sein Vater war ein NS-Offizier und wurde nach dem Krieg hingerichtet. Max’ Mutter, eine Jüdin, kam ins Konzentrationslager.

Onno stammt dagegen aus einer konservativen Familie, sein Vater ist ein hochrangiger Politiker. Onno fällt aus der Reihe, mag sich nicht so recht anpassen. Seine politische Ausrichtung ist eher links. Seine Leidenschaft beruht auf Wörtern und alten Schriften.

Zwischen den beiden Freunden steht einzig Ada, eine Cellistin, mit der erst Max zusammen ist, dann Onno. Über 20 Jahre hinweg werden die beiden Männer samt Ada nun begleitet. Max und Onno engagieren sich in der Studentenbewegung, reisen nach Kuba, erleben dort eine aufregende Zeit. Außerdem wird Quinten gezeugt – der engelsgleiche Junge soll dafür sorgen, dass die Tafel zurück in den Himmel kommt.

Harry Mulisch geht im ersten Teil des Buches besonders auf die aufwühlende Zeit in den 1960er-Jahren in den Niederlanden ein sowie auf die Spannungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Max fährt außerdem nach Polen, wandelt dort auf den Spuren seiner Mutter.

Im weiteren Verlauf des Romans spielen Literatur, Musik und Architektur eine Rolle. Mulisch greift Goethes Faust auf; beschreibt später die Bauten in Rom bis ins kleinste Detail. Bei einer Reise nach Israel wird die biblische Geschichte rund um Moses erzählt. „Die Entdeckung des Himmels“ ist streckenweise wie ein vielseitiges Lexikon zu lesen.

Das ist meist hoch interessant, bei den physikalischen Ausführungen oder den Beschreibungen von Max astronomischer Arbeit schweifte ich jedoch oft ab, übersprang ganze Absätze. Das waren die Momente, in denen ich die Lust verlor. Aufgrund der ausgefeilten und schönen Sprache sowie der interessanten Geschichte rund um Onno, Max und Ada griff ich aber immer wieder zurück. Sehr gelungen finde ich den Aspekt der Sterbehilfe.

Über einen Gedankengang von Onno grübelte ich in den vergangenen Tagen viel. Es geht um das Thema Schuld. Onno sagt gegen Ende des Romans zu Quinten, dass Handeln final und nicht kausal beurteilt werden sollte. Wenn böse Taten immer darauf zurückgeführt würden, dass der Verursacher in der Kindheit geschlagen wurde oder geschiedene Eltern hat, sei das unfair gegenüber all denen, die ebenfalls schlechte Erfahrungen machten, aber nicht zu Verbrecher werden. Onno meint: Durch kausale Beurteilungen wird der Mensch entmenschlicht, es wird ihm die Verantwortung genommen und somit letztlich auch die Freiheit.

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3. Februar 2014

Flimmerkasten: “Frances Ha”

Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan. Das bekommt Frances (Greta Gerwig) deutlich zu spüren. Ihre beste Freundin Sophie zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, lässt sie im Stich. Damit nicht genug: Ihre Karriere als Tänzerin hakt, das Geld ist knapp. Ein passender Mann: nicht in Sicht. Aber die 27-Jährige lässt sich nicht unterkriegen, läuft durch die Straßen, stürzt, steht wieder auf, läuft weiter.

Als „Frances Ha“ im vergangenen Jahr im Kino lief, wollte ich den Film unbedingt sehen. Die Kritik auf „Spiegel online“ hatte mich neugierig gemacht: „Die schönste Komödie des Sommers“ stand da. Eine Endzwanzigerin, die sich durch das Leben kämpft, frei von biederem Hipster-chic. Im Gegensatz zu Hannah in „Girls“ brauche Frances dabei keinen romantischen Ritter, der für ihr Glück verantwortlich ist. Vielmehr liege ihr Fokus auf Freundschaften – die jedoch an unterschiedlichen Lebensplänen auch wieder zu zerbrechen drohen. Willkommen in der Wirklichkeit.

Ins Kino schaffte ich es leider nicht, nun bekam ich endlich die DVD. Und bin angetan. Die witzige Indie-Komödie von Noah Baumbach ist etwas ganz Besonderes – die Figuren, die tollen Schwarz-Weiß-Bilder aus New York sowie der Soundtrack sind perfekt aufeinander abgestimmt. Außerdem ist Adam Driver zu sehen. Er spielt den Bildhauer Lev. Ein Hut ziert meist seinen Kopf. Ein toller Typ.

Strukturiert ist der Film nach Frances Unterkünften. Die Szenen wechseln schnell, dadurch wird alles Schwere genommen. Nachdem Sophie sie hängen ließ und  mit einer anderen Freundin zusammenzog, landet Frances bei Benji und Lev. Zwei jungen Künstlern, die es sich leisten können, in einer hippen Wohnung für 4000 Dollar im Monat zu leben. Lev schleppt ständig Mädels ab, Benji schreibt Skripte für Saturday Night Live. Wenn es mit dem Geld knapp wird, ruft er seinen Stiefvater an. Der ist zwar ein Arsch, aber macht ja nix.

Frances fühlt sich wohl, kann sich diese Wohnung aber auf Dauer nicht leisten. So fährt sie erstmal über Weihnachten zu ihren Eltern nach Kalifornien, kehrt dann wieder nach New York zurück.

Tollpatschig, leicht verquer und oft auch unüberlegt hangelt sich die 27-Jährige durchs Leben. Dabei bleibt sie immer loyal und sympathisch. In den 86 Minuten, die schnell verfliegen, wird aus der auf Gleise pinkelnden Frances gegen Ende dann doch eine bisschen reifere junge Dame. Aber fertig erzählt wird nichts, was gut ist.

Frances Ha ist ein realistischer Ausschnitt, wie es wohl so vielen kreativen Köpfen mit Ende 20 geht. Es läuft nicht alles nach Plan, aber das macht das Leben interessant. Langweilig ist anders.

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1. Februar 2014

Melodien: “Ein Abend mit Vereinsheim Baldu (die VI.)”

Seine Erkältung hätte er am liebsten ins Weltall geschossen. Ging aber nicht. So stand Maxim am Freitagabend ein wenig blass und angeschlagen auf der Bühne in der Scenario Halle im Kulturzentrum Tempel. Machte letztlich aber überhaupt nichts. Der Sänger riss mit seiner leicht rauchigen und eindringlichen Stimme das Publikum mit – bedingungslos. Kurz vor Ende sorgte er mit „Soldaten“ für den Höhepunkt eines insgesamt eindrucksvollen Abend.

Vereinsheim Baldu die sechste: Komplett ausverkauft waren die beiden Veranstaltungen in Karlsruhe und Mannheim. Sehr zur Freude des Vorstands um Tommy Baldu (Schlagzeug), David Maier (Gesang), Nico Schnepf (Tasten), Rouven Eller (Ton) und Haegar (Visuals). Auch Arthur Braitsch gehört inzwischen zum festen Inventar des Vereinsheims; bereits seit Beginn sitzt er jedes Mal mit im musizierenden Kreis, begeistert an der Gitarre.

Bunt gemischt sind an diesem Abend die Gäste. Besonders Jemma Endersby sticht hervor. Einen kurzen, knallgrünen Overall trägt die englische Sängerin, eine Netzstrumpfhose mit Blumenstickereien dazu. Ihre experimentelle Duttfriseur sowie ihre große Brille lassen an ein Gesamtkunstwerk denken.

Aber nicht nur optisch haut Jemma Endersby um, auch ihre Stimme ist eindrucksvoll. Eine Prise Blues gepaart mit Soul, klar und sicher: Die Britin trifft jeden Ton. Bei dem mitschwingenden „Bubble“ zeigt sie, welche Energie in ihr steckt. Bei dem ruhigen „Fairytales“ wiederum, wie tief ihre Songs gehen. Ihr Mann Paucker, der an diesem Abend ebenfalls mit dabei ist, Bass spielt, lauscht der Stimme seiner Frau mit geschlossenen Augen.

„Es ist nicht einfach nun zu singen“, meint Tim Neuhaus dann mit einem Schmunzeln, als er nach Jemma Endersby die Bühne betritt. Seine Bescheidenheit: nicht notwendig. Der ehemalige Schlagzeuger der Clueso-Band zeigt sich als Singer/Songwriter äußerst versiert. Vor allem mit „As Life Found you“ zieht er das Publikum mit, geschlossen summt es die Melodie, hört gar nicht mehr damit auf. Und bei „Easy Or Not“ kommt dann auch Jemma Endersby wieder auf die Bühne, singt mit Tim Neuhaus gemeinsam den ruhigen Song.

Schwarze Cap, orange-schwarz gesteiftes Hemd und Vans – Maxim entspricht keineswegs dem Stereotypen des deutschen Popsängers. Hat er seine Wurzeln auch im Reggae-Bereich. Davon ist inzwischen nichts mehr zu hören. Maxim 2014: Eingängige Melodien, Texte rund um das Leben, nicht kitschig, sondern ehrlich, nachdenklich. „Soldaten“ lief im Radio hoch unter runter. „Rückspiegel“, „Haus aus Schrott“ und „Wut“ komplettieren seine Songauswahl an diesem Abend. Wunderbar.

Die nächste Vereinsheim Baldu-Veranstaltung ist am 23. Mai in Karlsruhe.

Zum Konzept der Veranstaltung: http://wp.me/p3915e-j5

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31. Januar 2014

Heimat: “Ein Nachmittag mit Sabrina Kuhn von KULØR”

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Das ist Sabrina.

Becher, Vasen, Schmuck sowie Lichtschalen in klarer und schlichter Formsprache – der Ursprung von KULØR liegt in Dänemark. Konkret: in Kopenhagen. Sabrina Kuhn hatte im Jahr 2012 die skandinavische Stadt ausgewählt, um dort ihr Auslandssemester zu verbringen. An der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) ist die 25-Jährige seit 2008 in Produktdesign eingeschrieben, arbeitete bereits seit dem ersten Semester  gerne mit Porzellan. „Das Material ist fragil, eigenwillig, zerbrechlich, aber auch hart – typisch feminine Eigenschaften eben“, sagt sie und lacht.  Die Hochschule in Kopenhagen habe sie deshalb besonders gereizt, da dort die Fachrichtung „Keramikdesign“ angeboten wird.

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Die Idee hinter der Kollektion: „Geschirr und kleine Dinge, die den Alltag ein wenig schöner machen, faszinieren mich“, erklärt Sabrina. Bereits mit 14 Jahren kaufte sie auf Flohmärkten billige Teller, zerschlug sie Zuhause und setzte die Stücke neu zusammen. „So entstanden meine ersten selbst gefertigten Gegenstände.“ Große Freude verspüre sie dabei, Dinge mit der Hand herzustellen, ein konkretes Ergebnis zu produzieren.  „Dass ich etwas im kreativen Bereich studieren möchte, war mir früh klar.” So fiel die Entscheidung nach dem Abitur auf die HfG.

Die Design-Hochschule in Kopenhagen erschien ihr als die perfekte Ergänzung zu dem Studium in Karlsruhe. „Ich schickte 2011 die Bewerbung los, zitterte und bangte.“ Die Studentin hatte Glück, wurde angenommen. Sie zog nach Dänemark, lernte die Sprache und  war voller Vorfreude auf die bevorstehenden Erfahrungen.

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Sabrina wurde nicht enttäuscht, die Arbeitsbedingungen waren traumhaft, die Inspiration groß: „In einer großen Keramikwerkstatt experimentiere ich viel, hatte tolle Professoren um mich“, erzählt die gebürtige Ludwigsburgerin. Die Idee für KULØR (zu Deutsch: Farbe) kam auf. „Um zu testen, wie die Sachen ankommen, mietete ich mir einen Stand auf einem Markt in Kopenhagen.“ Die Resonanz war toll gewesen, erinnert sie sich. „Besonders den persönlichen Kontakt mit den Kunden und deren direktes Feedback waren eine wichtige Erfahrung.“

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2013 kam Sabrina wieder zurück nach Deutschland. „Mir fehlte zwar ein wenig die umfangreiche Ausstattung, aber ich wollte meine KULØR-Kollektion unbedingt fortsetzen.”  “Lametta”, “Support The Underground”, “Schöne Bescherung” – auf  verschiedenen Kunsthandwerkermärkten in der Region war die 25-Jährige in den vergangenen Monaten anzutreffen. „Es läuft alles fabelhaft an, vor allem das Weihnachtsgeschäft war gut”, sagt Sabrina glücklich.

In dem Gemeinschaftsbüro „Fettschmelze“ auf dem alten Schlachthofgelände fand sie inzwischen einen festen Arbeitsplatz außerhalb der HfG und verkauft dort auch ihre Produkte. „Ich habe hier ein tolles Netzwerk.“ Große Unterstützung erfährt sie außerdem von der Berlinerin Saskia Hohengarten, die ihr bei der optischen Gestaltung des Logos, der Flyer und der Visitenkarten half.

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In diesen Tagen beschäftigt sich Sabrina hauptsächlich mit ihrer Diplomarbeit: „Die KULØR-Kollektion wird um Lampen erweitert“, verrät sie. Im Juli wird die Präsentation stattfinden. „Ich bin gespannt, was die nächsten Monate mit sich bringen”, sagt die Designerin. Sie freue sich sehr auf alles, was kommt.

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Weitere Infos und Kontakt unter:
info@kuloer.com
www.kuloer.com
www.schlachtshop.de
https://www.facebook.com/pages/KUL%C3%98R/224825321009207?fref=ts

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29. Januar 2014

Schmöker: “Er ist wieder da” von Timur Vermes

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Wenn es um Adolf Hitler geht, verstehe ich keinen Spaß. Auch über ihn lachen mag ich nicht. Sehr irritiert war ich deshalb, als ich vor einiger Zeit in der Buchhandlung an „Er ist wieder da“ vorbeikam. Auf dem weißen Buchcover ist die Frisur des Tyrannen nachgezeichnet. Lustige Unterhaltung und Hitler – das geht bei mir nicht überein. Auch die Switch-reloaded-Filmchen finde ich daneben.

Damit bin ich aber wohl eher eine Ausnahme, die literarische Politiksatire stand wochenlang auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste. Eigentlich hatte ich gar kein Interesse daran, mich mit diesem Buch näher auseinanderzusetzen. Aber dann legte es mir mein Arbeitskollege vor wenigen Wochen auf den Schreibtisch – und ich begann zu lesen.

Auch während des Lesens ließ mich keine Sekunde das fahle Gefühl los, dass es nicht richtig ist, was da passiert. Klar, es ist eine Satire. Timur Vermes hat keineswegs die Intention, Adolf Hitler zu verherrlichen, im Gegenteil. Der Autor verdeutlicht auf subitle Weise immer wieder, wie krank die Gedankengänge des Diktators waren und wie schnell wohl viele Bürger auch heute wieder auf den plumpen Populismus anspringen würden. Trotzdem finde ich unmöglich, dass ausgerechnet Hitler in eine Zeitmaschine von 1945 in das Jahr 2011 gesetzt wurde. Hätte es nicht eine andere historische Figur gegeben, mit der das Konzept funktioniert – auch wenn es dann in Sachen Marketing schwieriger gewesen wäre?! Ich hätte es sehr begrüßt.

Denn das Konzept, der Schreibstil und die einzelnen Geschichten in „Er ist wieder da“ sind sehr lustig, kurzweilig und vor allem bitterböse. Hitler erwacht im Jahr 2011 in Berlin und weiß erst nicht, wie ihm geschieht. Gedanklich ist er in seinem Führerbunker hängengeblieben, die neue technologisierte Welt irritiert ihn. Internet, Handys, Farbfernseher – all das ist neu für Adolf Hitler.

Er wundert sich über die Aufmachung der Bildzeitung (extra große Buchstaben, damit sie wohl auch Senioren lesen können), über das skurrile Fernsehprogramm, in dem arbeitslose „Menndis“ auftauchen und reihenweise Köche sowie Gärtner über den Bildschirm flimmern. Auch aus dem Radio dröhnt nur Krach.

Bei einem Gang durch die Stadt fragt sich der Tyrann, wie Herr Starbuck gleichzeitig so viele Cafès führen kann. Seine Stirn runzelt sich, als er feststellt, dass türkische Mitbürger verstärkt im Reinigungsgeschäft tätig sind, Fremdlinge, die mittelständische Betriebe führen – das geht doch eigentlich gar nicht.

Mithilfe eines Kioskbesitzers findet er sich dann aber langsam in der Hauptstadt zurecht. Er lernt Fernsehproduzenten kennen, die in ihm den perfekten Hitler-Imitator sehen. Innerhalb kürzester Zeit läuft seine Fernsehkarriere wie am Schnürchen.

Dieses Medienspektakel von Adolf Hitler im Jahr 2011 hat Timur Vermes konsequent bis ins kleinste Detail durchdacht. Das ist klug und lustig. Zeitungsaufschnitte kritisieren den vermeintlichen Imitator, auf Youtube werden seine Videos zigfach angeklickt. Seine Sekretärin muss plötzlich mit einem Shitstorm klarkommen. Und so manch künstliche Dame auf dem Oktoberfest setzt sich gerne für PR-Zwecke auf seinen Schoß.

„Er ist wieder da“ ist bis zum letzten Satz ein sehr unterhaltsames und sehr gut zu lesendes Buch, das auch aufrüttelt. Nur sollte Hitler meiner Empfindung nach eben in keinem anderen Kontext als dem geschichtlichen auftauchen.

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27. Januar 2014

Heimat: “LeechBlock”

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Nur noch kurz auf Facebook die neuesten Urlaubsbilder der Freundin anschauen und ganz schnell den Artikel lesen, den der Arbeitskollege postete – schwupps, wie von Zauberhand sind schon wieder 20 Minuten vergangen. Mit sozialen Netzwerken vertrödele ich besonders am Wochenende und am Feierabend viel Zeit.

Mein Smartphone hat dieses Problem noch verschärft. Da meine Kommunikation mit Freunden hauptsächlich über Facebook und Whatsapp läuft, piepst und vibriert mein Handy ständig, Push-up-Meldungen ploppen auf meinem Display auf. Bei der Arbeit sowie nachts schalte ich mein Handy inzwischen oft auf Flugmodus. Ruhe. Die Reizüberflutung tut mir nicht gut.

Ich bin mit dieser Empfindung nicht alleine. Vor wenigen Tagen schrieb mir Niklas. Er habe im Netz lange nach etwas gesucht, was ihm dabei hilft, seinen Facebook-Konsum zumindest am Rechner zu kontrollieren. Nun sei er auf etwas gestoßen, was passt und auch mich interessieren könnte: das Add-on „LeechBlock“. Den entsprechenden Link hatte Niklas angehängt. https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/leechblock/

Meine Neugierde war geweckt. Blitzschnell hatte ich das Add-on heruntergeladen und installiert. Unter „Einstellungen“ konnte ich unter anderem angeben, welche Seiten ich wann und wie lange blockieren möchte. Kurz bevor mir „LeechBlock“ das weitere Stöbern auf Facebook unterbindet, werde ich freundlicherweise gewarnt. Das ist toll.

Verzichten möchte ich auf die sozialen Netzwerke keineswegs. „LeechBlock“ gibt mir aber die Kontrolle zurück – und mehr Zeit und Ruhe, meinen riesigen Stapel an ungelesenen Büchern abzuarbeiten.

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24. Januar 2014

Flimmerkasten: “Hannas Reise”

Sie ist oberflächlich, berechnend und absolut kein sozialer Mensch: Hanna (Karoline Schuch) studiert BWL und lebt mit ihrem Freund in der typischen Kapitalisten-Welt. Höher, schneller, weiter. Wie komme ich nach der Uni schnell zu einem prestigeträchtigen und lukrativen Job? Diese Frage treibt Hanna um. So flunkert sie in einem Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmungsberatung – gibt vor, in den Semesterferien nach Isarel fliegen zu wollen, um sich dort um behinderte Juden zu kümmern. Der Sozialbonus ist ihr damit sicher. Perfekt, denkt sie.

Fest geht Hanna davon aus, dass ihre Mutter (Suzanne von Borsody), die für den Friedensdienst solche Reisen vermittelt, ihr ein entsprechendes Zertifikat fälscht. Doch die sozial engagierte Frau denkt gar nicht daran, ihrer Tochter diesen Gefallen zu tun. So bleibt der Studentin nichts anderes übrig, als sich tatsächlich in den Flieger nach Tel Aviv zu setzen. Es wird eine Reise, die die junge Frau verändert.

Der Plot von „Hannas Reise“ ist ziemlich einfach gestrickt und vorhersehbar. Große Überraschungen gibt es keine. Eine kitschige Liebesgeschichte: natürlich vorhanden. Trotzdem ging mir das Werk von Regisseurin Julia von Heinz sehr ans Herzen. Selten hat es ein deutscher Film auf solch eine nette Art geschafft, die komplizierte und schwierige Situation zwischen Deutschen und Juden leicht, aber trotzdem nicht pietätlos darzustellen. Die Schuldfrage wird immer wieder angeschnitten – subtil und mit viel Humor.

Julia von Heinz trifft bei ihren Figuren und Dialogen genau den Kern der Lebenswelt unserer Generation. Viele Sorgen und Ansichten sind nachvollziehbar. Allein die WG, in der Hanna in Tel Aviv unterkommt, ist wunderbar komisch. Da kommen Erinnerungen an die eigenen verqueren Wohnformen auf – an kaputte Waschmaschinen, nicht funktionierende Boiler, Maden an den Decken, nicht eingehaltene Putzpläne und alles andere, was Studenten-WGs sonst noch mit sich bringen.

Auch wenn Hannas Verwandlung zum sozialen Wesen vorhersehbar ist, macht es trotzdem viel Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie langsam mit den behinderten jüdischen Menschen vertraut wird, und beim Gespräch mit Opfern des Holocaust begreift, dass die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft ist.

Schön wird in dem Film außerdem der Kontrast zwischen Berlin und Tel Aviv dargestellt, viele Bilder machen Lust darauf, selbst in das Flugzeug zu steigen und nach Israel zu fliegen. Am Ende von „Hannas Reise“ saß ich selig in meinem Kinosessel. Auch wegen des doch sehr nett anzuschauenden Sozialarbeiters Itay (Doron Amit).

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20. Januar 2014

Heimat: “Ein Abend im Iuno”

 

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Sonntagabend. Der Wochenendansturm ist bewältigt, Andi Schwetz kann ein wenig durchatmen. Entspannt steht sie im Iuno hinter der Theke, plaudert mit zwei Stammgästen, erzählt ihnen von ihrer neuesten Gin-Entdeckung, dem „Bathtub“ aus New York. Ganz neu habe sie ihn im Sortiment, sagt sie. Das Interesse danach sei groß. „Innerhalb von nur zwei Abenden war die Flasche leer.“ Die Männer wollen testen.

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Das ist Andi.

Eine Kneipe mit Hamburger-Flair mitten auf dem Karlsruher Werderplatz: Seit 2009 führt Andi zusammen mit ihrer Kollegin Patricia das Iuno. Ein Gastronom aus der Hansestadt hatte die Bar im Jahr 2005 eröffnet, damals noch unter dem Namen “Gloria Süd”. Astra und Fritz-Kola landeten auf der Getränkekarte, eine Retro-Einrichtung mit schönem Schnickschnack sorgte für eine angenehme Wohlfühlatmosphäre. Das Pendant zur Gloria Nord in Eimsbüttel war geschaffen.

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Andi stand bereits im Gloria Süd als Aushilfe hinter der Theke. Ihr Soziologie-Studium hatte sie gerade abgeschlossen, suchte nach dem passenden Job. Keine Sekunde zögerte sie deshalb, als sie das Angebot bekam, mit der damaligen Geschäftsführerin Patricia die Kneipe komplett zu übernehmen. Die Einrichtung, das Team, die Gäste: „Es passte einfach alles“, sagt sie heute.

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„Viel veränderten wir damals nicht“, erinnert sich Andi. Lediglich die Wände strichen sie in einem Orange-Farbton, passten die Deko an. „Wir hatten Glück, die Leute kamen von Beginn an gerne zu uns.” Zahlreiche Stammgäste sitzen so seit Jahren  an der Theke. Darunter sind viele bekannte Gesichter aus der Karlsruher Kreativszene – Künstler, Schauspieler, Freigeister, meist zwischen 25 und 35 Jahre alt, sagt sie. Auch Robert Stadlober schaute bereits zweimal vorbei, der Techno-DJ  Âme war jüngst an Weihnachten da. „Das Iuno ist für viele zu einem Wohnzimmer geworden.“

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Lesungen, Live-Bands, DJs am Samstag: „Wir versuchen unseren Gästen ein abwechslungsreiches Programm zu bieten“, sagt Andi. So spielten bereits Perry O’Parson und Tom Mess im Iuno sowie Joe Astray. Eine Jazz-Combo von der Hochschule für Musik trat außerdem auf. „Wir sind offen für alles“, meint die Karlsruher Barfrau. Auch bei den Getränken. „Ich bin immer auf der Suche nach neuen Kombinationen, versuche innovativ zu sein“, fügt sie hinzu. Derzeit sei „Rosemary‘s Baby“ bei den Gästen sehr beliebt – eine Mischung aus Hendricks Gin, Holunderblütenlikör, Rosmarin-Elixier und Zitronensaft.

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Etwa 80 Gäste finden im Iuno Platz, sobald der Frühling ausbricht, nochmals weitere 120 auf den Bierbänken, die auf dem Werderplatz aufgestellt werden. „Wir veranstalten dort dieses Jahr bei der Fußball-Weltmeisterschaft wieder ein Public Viewing“, verrät Andi. Bratwürste werden dazu auf einem Grill gebrutzelt, Salate für Vegetarier angeboten.

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Insgesamt sechs Mädels und sechs Jungs arbeiten derzeit in der Bar am Werderplatz, sorgen dafür, dass die Gäste unterhalten werden, ihre Getränke bekommen. „Die Harmonie stimmt – das ist uns sehr wichtig“, sagt Andi. Besonders freue sie sich schon auf den fünften Iuno-Geburtstag, der am 30. April mit einer großen Party gefeiert wird. “Dann werden wieder die Tische und Stühle auf die Seite geschafft; so gibt es Platz zum Tanzen.” Das wird toll, sagt sie mit einem Funkeln in den Augen.

Geöffnet hat das Iuno täglich ab 18 Uhr. Unter der Woche schließt es meist zwischen 1 und 2 Uhr. Am Wochenende gegen 4 Uhr. Weitere Infos unter https://www.facebook.com/iuno.karlsruhe?fref=ts

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18. Januar 2014

Heimat: Ein Kaffee mit Gerhard Varbelow”

Sein Sohn wurde 2012 von Neonazis niedergeschlagen, erholte sich bis heute nicht vollständig. Gerhard Vabelow gründete deshalb mit Gleichgesinnten ein Aktionsbündnis gegen Faschismus und Rechtsextremismus. Für die BNN habe ich mich mit ihm getroffen, der Artikel ist heute nachzulesen.

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17. Januar 2014

Heimat: “Ein Abend bei Florian Weingrüll”

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Das ist Florian.

Sechs Träume hat Thomas Geiger niedergeschrieben, auf graues Papier. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle handeln von der Kunst – auf unterschiedliche Art und Weise. „Die Träume bewegten mich; als ich morgens aufwachte, waren sie noch so präsent, dass ich sie festhalten wollte“, erläutert der Künstler, der derzeit in Wien lebt. Seine Maxime: Manchmal haben die einfachsten Gegenstände und Handlungen das Potenzial zur größten Wirkung. Zu sehen sind die Aufschriebe seiner nächtlichen Erinnerungen im Rahmen der Ausstellung „Cognitve Dissonance“ in der Galerie Weingrüll (Nowackstraße 7). Vernissage ist anlässlich des Galerientags am morgigen Samstag, 18. Januar, von 15 bis 21 Uhr.

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Zeichnungen, Videos, Skulpturen – mehr als 20 unterschiedliche Werke präsentiert Galerist Florian Weingrüll in dieser neuesten Ausstellung. Es ist ein Querschnitt der Arbeiten seiner derzeit insgesamt 13 Künstler. Darunter vertreten sind Benjamin Appel, Maeghan Reid, Enrico Bach sowie Stephanie Kiwitt.

Seine ersten Schritte als Galerist wagte Florian Weingrüll mit einem Projektraum in der Viktoriastraße. Das war 2009 und der Karlsruher studierte damals noch in Tübingen – Kunstgeschichte, Philosophie und Religionswissenschaften auf Magister. „Durch den Projektraum wurde mir klar, dass die Zusammenarbeit mit den Künstlern und das Vermitteln an Käufer genau das ist, was ich machen möchte“, erinnert er sich. „Ein Jahr später, im September 2010, eröffnete er seine Galerie in der Nowackanlage. „Mehr als 20 Ausstellungen fanden seither statt“, sagt er an diesem verregneten Donnerstagabend, zwei Tage vor der Vernissage.

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Einiges zu tun gibt es noch. Die Werke müssen platziert, Bildschirme für Videos angebracht werden. “Das Meiste ist aber geschafft”, sagt der Galerist. Einen festen Platz hat bereits die aktuellste Arbeit von Otto D. Handschuh gefunden. „Verwaister Bauhausstuhl auf entleerter Palette“ lautet der Titel der Skulptur.

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Der Künstler, der aus Dresden stammt und in Karlsruhe lebt, arbeitet primär mit Sandstein, Granit und Metall, gelegentlich mit Holz. Abschleifen, Aushöhlen, Zerschneiden – “das Verändern der Funktionalität sowie der Bestimmung steht bei mir meist im Vordergrund.” Eine Auswahl seiner Werke ist ab April auch im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehen.

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Identität und Heimat spielen bei den Werken von Jakup Ferri eine elementare Rolle. Der aus dem Kosovo stammende Künstler beschäftigt sich viel mit seinem sozialen Umfeld. „Wo komme ich her, wer bin ich?“ Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen prägen Ferris Arbeiten, erläutert Florian Weingrüll.

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Original und Fälschung. Individualität und Authentizität. Damit beschäftigt sich Sascha Pohle. Auf der Zeichnung, die ab Samstag in der Galerie Weingrüll ausgestellt ist, ist ein Ronald Reagan-Doppelgänger zu sehen, in der Hand hält dieser eine Fotografie des ehemaligen Präsidenten. Eine Kopie mit Abbild.

Wenn Florian Weingrüll bis Samstag diesem und den anderen etwa 20 Werken in seiner Galerie einen festen Plazu zugeordnet hat, wird Thomas Geiger durch die Räume schreiten, die Anordnung auf sich wirken lassen und dann seine sechs Traum-Papiere platzieren. „Intuitiv.“

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Zu sehen ist die Ausstellung bis 22. Februar. Geöffnet ist die Galerie Dienstag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr. Samstags von 11 bis 14 Uhr.
Nähere Informationen zu der Ausstellung und den einzelnen Künstlern sind abrufbar unter www.weingruell.com
Zu Thomas Geiger unter www.twgeiger.de

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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