2. Dezember 2019

Schmöker: “Altes Land” von Dörte Hansen

“Altes Land”: Mehr als ein Frauenroman!

Annes Welt gerät gehörig ins Wanken, als ihr Mann sie betrügt – mit der hübschen Lektorin mit den blutroten Fußnägeln und den langen schwarzen Haaren. Christoph liebt Carola. Die Gewissheit haut Anne um. Die junge Mutter will nur noch weg. Raus aus Hamburg-Ottensen. Sie packt ihre Habseligkeiten zusammen, setzt ihren kleinen Sohn Leon in einen Sprinter und fährt zu ihrer kranteligen Tante Vera, die auf einem heruntergekommenen Hof auf dem “Alten Land” lebt – seit 60 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg landete sie als kleines Mädchen in dem ächzenden Haus mit Reetdach – ausgehungert und durchgefroren nach dem langen Marsch aus Ostpreußen.

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25. Oktober 2019

Schmöker: “Unterleuten” von Juli Zeh

“Unterleuten” von Juli Zeh: Sozialromantik ade!

Natur, Ruhe und Zusammenhalt: Geplagte Städter sehnen sich oft ein Leben auf dem Land herbei. Raus aus dem Trubel, rein in die Idylle. Aber Vorsicht. Das Leben im Dorf kann trügerisch sein. Es wird getratscht, beobachtet, analysiert, intrigiert. Welches Auto parkt vor welchem Haus, wer saß bis zuletzt in der Kneipe, wer redete auf der Straße wie lange mit wem?

Juli Zeh gewährt in ihrem Gesellschaftsroman “Unterleuten” einen Blick in genau solch ein Szenario – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Sie entwirft dadurch ein abwechslungsreiches Zusammenspiel von Alteingesessenen, Zugezogenen, jungen und alten Menschen. Das ist spannend, treffsicher und sehr unterhaltsam. Weiterlesen »

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18. August 2019

Schmöker: “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler

Serotonin in Buchform

Zum ersten Mal drang „Ein ganzes Leben“ mit voller Wucht in mein Herz, als Robert Seethaler seinen Protagonisten Andreas Egger von der Bauersfrau Ahnl Abschied nehmen lässt. Es ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einem Dorf in den Alpen, als die bereits in die Jahre gekommene Seniorin beim Brotbacken das Bewusstsein verliert. Sie stürzt nach vorne und erstickt im Teig.

Drei Tage lang liegt sie danach im brütend heißen Sommer aufgebettet in einer Kammer, bis sie endlich eine Pferdekutsche abholt. Danach überstürzen sich die Ereignisse. Als der Totenwagen beim Schmid vorbeirollt, rennt dort ein Hund aus der Tür, beißt einem der Haflinger in das Bein. Dieses stürzt daraufhin zur Seite und der Sarg kommt ins Rutschen. Wie Robert Seethaler das darauf folgende Geschehen beschreibt, ist ein sprachliches Vergnügen:

„Der Deckel, der für den Transport nur notdürftig verschlossen war und erst am Grab endgültig zugenagelt werden sollte, war aufgesprungen und der Unterarm der Toten erschien im Spalt. In der Dunkelheit der Totenkammer war ihre Hand schneeweiß gewesen, doch hier, im hellen Mittagslicht, erschien sie gelb wie die Blütenblätter der kleinen Bergveilchen, die am schattigen Bachufer blühten und sofort dahinwelkten, sobald sie der Sonne ausgesetzt waren. Das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es mit zitternden Flanken stehenblieb. Egger sah, wie die Hand der toten Ahnl aus dem Sarg baumelte, und für einen Moment schien es, als wollte sie ihm zum Abschied zuwinken, ein allerletztes Behütdichgott, für ihn allein bestimmt.“

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21. Juli 2019

Schmöker: “Die Geschichte der Baltimores” von Joël Dicker

Die Geschichte der Baltimores: Ein spannender Roman über eine Familie

Es gibt Autoren, denen vertraue ich blind. Von ihnen kaufe ich Romane, ohne eine geringste Ahnung davon zu haben, um was es geht. Jonathan Franzen, Siri Hustvedt, Hanya Yanghiara oder Benedict Wells gehören dazu – und Joël Dicker. Von ihm las ich vor einigen Jahren „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Ein Buchhändler hatte mir den spannenden Wälzer empfohlen. In Rekordtempo verfolgte ich den Fall um die vermisste Nola, erzählt aus der Perspektive des Protagonisten Marcus Goldmann. Ich versank komplett in diese gut konstruierte Geschichte.

Marcus Goldmann ist nun auch im Nachfolgewerk „Die Geschichte der Baltimores“ Dreh- und Angelpunkt. Wieder spielt das Geschehen in den USA. Dieses Mal an verschiedenen Schauplätzen: in Baltimore (Maryland), in Montclair (New Jersey) und in der Stadt Boca Raton, die im sonnigen Florida liegt.

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14. Mai 2019

Schmöker: “Der größere Teil der Welt” von Jennifer Egan

Eine wilde Reise durch Zeit & Raum

Als ich „Der größere Teil der Welt“ zu lesen begann, ahnte ich nicht, auf welch wilde Reise mich Autorin Jennifer Egan mitnehmen wird. Innerhalb weniger Tage schwirrte ich von den 1970er-Jahren in die Zukunft, von San Francisco nach Neapel und dann ging es auch noch in die Wüste. Meine Reiseführer: Bernie Salazar, ein Musikproduzent sowie Ex-Punk und Sasha, seine adrette Assistentin mit kleptomanischen Zwängen.

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14. April 2019

Schmöker: “The Circle” von Dave Eggers

Circle

Wie viel Realität steckt in “The Circle” von Dave Eggers?

Die Nachricht knatterte vor wenigen Tagen aus meinem Radio in der Küche: „Facebook bietet nun allen Nutzern die Funktion ,Live-Video’ an“, tönte es aus dem kleinen Ding. Das heißt, jeder kann nun sein Leben filmen und es seinen Freunden über das soziale Netzwerk präsentieren.

Mich fröstelte es. Meine Gedanken wanderten zu dem Buch „The Circle“ von Dave Eggers, das ich gerade zuvor zu Ende gelesen hatte. Ein eigentlich dystopischer Roman, der mir aber erschreckend real erscheint. Weiterlesen »

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31. März 2019

Schmöker: “Die Geschichte der Bienen” von Maja Lunde

“Die Geschichte der Bienen”: Kein Buch für mich!

„Die Geschichte der Bienen“ kam zur Weihnachtszeit in meinen Briefkasten geflattert – ein sehr nett gemeintes Geschenk. Selbst hätte ich mir den norwegischen Bestseller von Maja Lunde wohl aber nicht gekauft, weder das Cover noch die Inhaltsangabe hatten mich beim Stöbern in Buchhandlungen überzeugt. „Drei Familien, getrennt durch Jahrhunderte, unauflöslich verbunden mit der Geschichte der Bienen“. Klang nach typischer Unterhaltungsliteratur, die nicht zu sehr am Fundament kratzt. Die beste Drehbuch-Grundlage für einen Blockbuster im Popcorn-Kino.

Doch als ich meinen Koffer für Israel packte, zu dem Bündel meiner bislang ungelesenen „Zeit“-Dossiers noch ein unkompliziertes Buch suchte, fiel mir „Die Geschichte der Bienen“ wieder ins Blickfeld. Ach, warum, nicht?! Vielleicht tue ich dem Roman auch Unrecht. Schließlich fielen die Kritiken fast durchgehend äußerst positiv aus. Eingepackt.

302 der 508 Seiten habe ich mir nun angetan, dann habe ich das Buch weggelegt.  Weiterlesen »

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24. Februar 2019

Schmöker: “Der Trafikant” von Robert Seethaler

Ein Juwel in Buchform: “Der Trafikant” von Robert Seethaler

Fast wäre „Der Trafikant“ in meinem Bücherchaos untergegangen. Bereits vor Jahren hatte ich ihn gekauft, auf meinen Stapel an ungelesenen Werken gelegt – und vergessen. Immer wieder kam ihm ein anderer Roman zuvor, verdrängte ihn. „Der Trafikant“ rutschte tief, tiefer und verschwand nahezu, bis ihn seine Verfilmung im vergangenen Jahr schlagartig in mein Gedächtnis zurückbrachte.

Zum Glück.

Innerhalb weniger Tage habe ich das Buch mit dem minimalistischen Cover nun gelesen, Satz für Satz aufgesaugt. „Der Trafikant“ ist voll mit wunderbaren Beschreibungen, Witz und einer Leichtigkeit der Sprache, die der Grausamkeit der Geschehnisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg diametral gegenübersteht – und dadurch erst recht eine Intensität entwickelt. Der Roman erfasste mich mit voller Wucht. Er ist ein funkelnder Juwel in Buchform.

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22. Februar 2019

Schmöker: “Tschick” von Wolfgang Herrndorf

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“Tschick” von Wolfgang Herrndorf: Auf in die Walachei!

Zwei 14-jährige Jungs, ein geklautes Auto und eine spannende Reise: Andrej Tschichatschow, alias Tschick, sitzt nach den Osterferien plötzlich in der Klasse von Maik Klingenberg. Die Jungs kommen aus unterschiedlichen Welten. Tschick ist mit seiner Familie aus Russland übergesiedelt und haust in einem der heruntergekommenen Hochhäuser in Hellersdorf.

Maik residiert mit seinen Eltern in einer Villa – Liebe und Aufmerksamkeit sind jedoch Mangelware. Da Tschick in den Sommerferien Langeweile hat und Maik ohnehin alleine zu Hause ist (Mutter auf Entzug, Vater mit der Geliebten auf Geschäftsreise), machen sich die beiden Jungs mit einem gestohlenen, klapprigen Lada auf die Reise. Ihr Ziel: Die Walachei. Es ist der Beginn eines abenteuerlichen Roadtrips. Weiterlesen »

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27. Januar 2019

Flimmerkasten: “Capernaum – Stadt der Hoffnung”

Herzreißend und voller Wucht: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Es ist der schräge Kakerlaken-Mann aus dem Freizeitpark, der in „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ einen minikurzen Moment lang für Humor sorgt. Der ältere Herr im rosa Ganzkörperkostüm setzt sich im Bus zu dem zwölfjährigen Zain, der verzweifelt und planlos raus aus Beirut möchte. Mutterseelenallein. Nur einen blauen Müllsack hat er bei sich, in den er sein Hab und Gut gestopft hat. Etwas zum Anziehen, ein paar Geldscheine, sonst nix. Seine Eltern prügelten ihn zuvor aus der Wohnruine, als er seine jüngere Schwester beschützen wollte. Der Kakerlaken-Mann zeigt Interesse an Zain, fragt ihn, wohin die Reise geht, erklärt ihm scherzhaft, er sei der Cousin von Spiderman. Zain spürt die Wärme und folgt dem Mann in den Freizeitpark voller bunter Lichter und Fahrgeschäfte.

Diese Leichtigkeit, sie ist eine kostbare Rarität in dem libanesischen Film, der für den Oscar 2019 als bester nicht-englisch-sprachiger Film nominiert ist. Ansonsten ist das Werk von Regisseurin Nadine Labaki tieftraurig. Denn selbst in dem trubeligen Freizeitpark trifft Zain schnell wieder auf Menschen, die schwer vom Schicksal gebeutelt sind. „Das Leben ist die Hölle“, sagt er gegen Ende des Films. Und man kann ihm, nach all dem was vorausging, nur zustimmen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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